DFG-VK Darmstadt "Von Adelung bis Zwangsarbeit - Stichworte zu Militär und Nationalsozialismus in Darmstadt"
Denkmal für den unbekannten Deserteur
Standort: Hiroshima-Nagasaki-Platz, Ostseite
Denkmal für den unbekannten Deserteur (2018)
Denkmal für den unbekannten Deserteur mit Erläuterungstafel (2018)
Erläuterungstafel (2018)
Erläuterungstafel neben dem Denkmal (2018)
Denkmal für den unbekannten Deserteur (2014)
Denkmal für den unbekannten Deserteur am alten Standort in der Lauteschlägerstraße 18 (2014)

Das Denkmal mit Erläuterungstafel wurde anlässlich des Anti-Kriegstags am 1. September 2018 mit einer Rede des Darmstädter Oberbürgermeisters Jochen Partsch eingeweit. Es erinnert an die unbekannten Deserteure und soll einen kritischen Bezug zu den in vielen Ländern geschaffenen Grabmälern des unbekannten Soldaten herstellen.

Die etwa 1,20 x 0,80 Meter große Tafel, aus mehreren rostigen Stahlplatten zusammengesetzt und an zwei Metallpfosten, die an einen Zaun erinnern, angebracht, trägt die Inschrift:

DEM
UNBEKANNTEN
DESERTEUR

Die obere Platte stellt die Silhouetten von fünf Soldaten dar, die die rechte Hand zum Salutieren an den Stahlhelm legen.

Neben dem Denkmal ist eine Erläuterungstafel in Deutsch und Englisch aufgestellt (Text siehe Foto).

Das Denkmal hat eine wechselvolle Geschichte:

Am 14. November 1987 wurde es zunächst, ohne Erläuterungstafel und mit einer anderen Halterung, im Garten der Evangelischen Martinsgemeinde (heute: Martin-Luther-Gemeinde) in der Heinheimer Straße 41 aufgestellt.

Gerhard Zwerenz bei der Einweihung des Denkmals am 14.11.1987
Gerhard Zwerenz bei der Einweihung des Denkmals am 14. November 1987

Zur Einweihung hielt der Schriftsteller Gerhard Zwerenz (1925 - 2015), der sich in seinem Buch "Soldaten sind Mörder, Die Deutschen und der Krieg" auch mit der Desertion im Nationalsozialismus beschäftigt hatte, eine Rede (siehe Foto).

Die Idee für das ungewöhnliche Denkmal stammt von der 1980 entstandenen bundesweiten Friedensinitiative "Reservisten verweigern" und den Darmstädter "Friedenshetzern". Die Gruppe "Reservisten verweigern" bestand aus ca. 25 aktiven Bundeswehrreservisten, die nachträglich den Kriegsdienst verweigern wollten oder verweigert hatten.

Vor der Einweihung im Garten der Martinsgemeinde stand das Denkmal auf dem Luisenplatz, wo die Gruppe durch Flugblätter die Geschichte der Deserteure aufklärte. Der Denkmalsenthüllung vorausgegangen war am 12. November 1987 eine Diskussionsveranstaltung mit etwa 70 Interessierten in der Stadtkirchengemeinde (Kiesstraße 17) über "Deserteure - Helden oder Vaterlandsverräter?", an der neben Norbert Haase (Autor des Buches "Deutsche Deserteure", Henner Pingel-Rollmann (Autor von "Widerstand und Verfolgung in Darmstadt 1933-1945"), einem Rechtsanwalt sowie Vertreter der Gruppe "Reservisten verweigern" teilnahmen.

Das Darmstädter Echo berichtete am 5. und am 14. Dezember 1987 über eine Diskussion im Darmstädter Stadtparlament zur Thematik der Deserteure im Zweiten Weltkrieg. Die Grünen hatten beantragt, durch ein Denkmal den unbekannten Deserteuren zu gedenken sowie eine Dokumentation über Desertion Darmstädter Soldaten der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg zu erstellen. Hierfür ernteten sie vom Stadtverordnetenvorsteher Eike Ebert (SPD) harsche Kritik: "Als einzige Fraktion des Darmstädter Stadtparlaments versuchen die Grünen seit Jahren Themen in die Stadtverordnetenversammlung hineinzutragen, die dort überhaupt nicht zu suchen haben". Im Übrigen sei es "mehr als eine beachtliche Geschmacklosigkeit", dass die Grünen mit ihrem Antrag für ein "Denkmal des unbekannten Deserteurs" eine uneingeschränkte Verherrlichung der Desertion hätten betreiben wollen. "Desertieren ist ein Straftatbestand, und ich werde in diesem Parlament als Einrichtung unseres demokratischen Staatswesens keine Diskussion darüber zulassen, dass Straftatbestände verherrlicht werden sollen" so Ebert weiter.
Angesichts der Weigerung von deutschen Soldaten, sich am Vernichtungskrieg der Nationalsozialisten zu beteiligen, kann diese Position eines sozialdemokratischen Politikers in herausragender Position nur Bestürzung hervorrufen.

Im Juni 1982 trat die Gruppe "Darmstädter Friedenshetzer", das Darmstädter Tagblatt bezeichnet sie in der Meldung als "Theatergruppe", auf dem Luisenplatz auf und prangerte in einem Straßentheater Aufrüstung und Militarisierung in aller Welt und die Sinnlosigkeit einer Verteidigung in Europa nach dem NATO-Konzept an, die ihrer Meinung nach alles vernichten würde, was verteidigt werden sollte. Gelöbnis und Dienstverpflichtung von Soldaten und Schwesternhelferinnen und die geplante Herabstufung des Wehralters auf 16 Jahre waren weitere Punkte. Vom Langen Ludwig wurden Transparente entrollt, die auch ein Atomwaffenfreies Darmstadt forderten.

1984 hatten sich die Reservistenverweigerer auf ihrem Bundestreffen in Darmstadt und Zeilhard mit den Fragen von Kriegsdienstverweigerung, Zivildienst und Totalverweigerung beschäftigt und folgende Erklärung verabschiedet:
Erklärung der Reservistenverweigerer (1984)
Erklärung der Reservistenverweigerer (1984) [1]

Das "Denkmal für den unbekannten Deserteur" will darauf aufmerksam machen, dass sich der Soldat immer an seinem Gewissen orientieren soll. Dies gilt noch mal besonders in einem Unrechtsstaat. Es soll weiter einen Beitrag dazu leisten, dieses Tabu-Thema öffentlich zu diskutieren.

Um eine möglichst große Aufmerksamkeit zu erreichen, hielt die Gruppe "Reservisten verweigern" es für sinnvoll, das Denkmal in zeitlichen Abständen an verschiedenen Orten aufzustellen. Nach einjähriger Aufstellungsdauer im Garten der Evangelischen Martinsgemeinde kam das Denkmal 1988 in die Bessunger Knabenschule. Im April des darauffolgenden Jahres wurde es an die Mauer des Hauses Nummer 18 in der Lauteschlägerstraße angebracht. Dort hing es bis 2016, siehe Foto, mittlerweile mit Graffiti verunstaltet. Es folgte eine Restaurierung und die Einweihung am Hiroshima-Nagasaki-Platz, dem heutigen Standort.

Q: [1] [2] [3] [4] [5] [6], Fotos: Autoren (Denkmal), Aktive der "Friedenshetzer" (Zwerenz)

 

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