DFG-VK Darmstadt "Von Adelung bis Zwangsarbeit - Stichworte zu Militär und Nationalsozialismus in Darmstadt"
Dorer, Maria Mathilde Edeltrudis (16.11.1898 Ettlingen - 28.4.1974 Marburg), Tochter des Reichsschulrats Richard Dorer, studierte von 1919 bis 1924 in Freiburg, München und Berlin und war ab 1927 als Wissenschaftlerin an der Technischen Hochschule (heute: Technische Universität) Darmstadt und in der NS-Zeit zusätzlich am Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene der Medizinischen Fakultät der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt bei dem "Rasseforscher" Professor Ottmar von Verschuer tätig.

Am 25. Juli 1923 legte sie in Freiburg ihre Philologische Dissertation mit dem Thema "Beseelende Personifikationen in der englischen Tragoedie von der Renaissance bis Shakespeare" vor.

Von 1927 bis 1933 war sie Assistentin am Pädagogischen Institut Mainz, das damals zur Technischen Hochschule Darmstadt gehörte. 1932 legte sie in Leipzig ihre Habilitation mit dem Thema "Historische Grundlagen der Psychoanalyse" vor.

Nach Hanel [7] verlor sie 1933 ihre Assistentenstelle am Pädagogischen Institut Mainz. Die Kündigung durch das Hessische Kultusministerium vom 9. Juni 1933 habe keine Begründung enthalten. Sie sei mit sofortiger Wirkung beurlaubt worden, die Lehrbefugnis (als Privatdozentin) für die Technische Hochschule sei jedoch bestehen geblieben. 1938 habe die TH beantragt, sie zur "Dozentin neuer Ordnung" zu ernennen, nach Dorers Angabe sei diese Initiative von Dekan Walther gekommen, auch Rektor Lieser habe sich für sie eingesetzt. Hierzu wurde sie dann auch 1939 berufen.

Von 1935 bis 1940 führte sie psychiatrische Forschungen u. a. an der Berliner Nervenklinik und einer Encephalitikerstation in Treysa durch. In dieser Zeit entstanden wohl die beiden Veröffentlichungen "Veränderungen der psychischen Struktur durch Encephalitis epidemica", Leipzig 1937, und "Charakter und Krankheit, Ein Beitrag zur Psychologie d. Encephalitis epidemica", Junker und Dünnhaupt 1939.

Von 1940 bis 1944 studierte sie zusätzlich in Marburg Medizin. Ihre Medizinische Dissertation mit dem Thema "Der Cysticercus in Forschung und Therapie" legte sie erst 1949/1950 in Marburg vor.

In der Folgezeit änderte sich ihre akademische Position mehrmals, bis sie 1940 zur außerplanmäßigen Professorin berufen wurde.

Nach Hanel war Dorer die einzige habilitierte Frau, die im Dritten Reich ein Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft erhielt. Auch vom 1937 gegründeten Reichsforschungsrat erhielt sie finanzielle Mittel.

Um 1937/38 habe sie mit dem 1935 gegründeten Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene an der Medizinischen Fakultät der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt und dessen neuberufenen Direktor Prof. von Verschuer eine Zusammenarbeit begonnen. Bei Klee [9] heißt es zu Verschuer:

"In einem Gutachten des Leiters des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP, Prof. Dr. Walter Gross, wird Verschuer als unpolitisch bezeichnet. Er stehe dem Nationalsozialismus aber mit einer völlig ehrlichen Loyalität gegenüber und trage zur Festigung wichtigster Grundlagen der nationalsozialistischen Gedankenwelt bei ...".

Weiter zitiert Klee Verschuer 1938:

"Die Untersuchung der lebenden Bevölkerung in den Schwalmdörfern ist zum Abschluß gebracht. Die Kirchenbücherauszüge sind zu Sippentafeln zusammengestellt. Die Identifizierung der Krankheitskartei ist durchgeführt."

Es ist offensichtlich, dass es sich hier um Vorarbeiten zur Erfassung "erbbedingter Erkrankungen" geht, einer Vorstufe zur Ermordung dieser Menschen (siehe Euthanasie).

An diesen Untersuchungen war Dorer beteiligt, wenn Hanel schreibt, Dorer habe begleitende Forschungen zu einer "Bevölkerungsuntersuchung auf der Schwalm" des Verschuer´schen Instituts durchgeführt.

1942 habe sie eine Lehrstuhlvertretung am Institut für psychologische Anthropologie in Marburg übernommen und 1939 in einem NS-Führerinnenlager einen Vortrag über "Wesen und Aufgabe der Frau" gehalten.

Dorer wurde im November 1949 zur außerplanmäßigen Professorin ernannt und 1964 emeritiert.

Das Hessischen BibliotheksInformationsSystem HEBIS verzeichnet weitere Veröffentlichungen von Maria Dorer.


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