DFG-VK Darmstadt "Von Adelung bis Zwangsarbeit - Stichworte zu Militär und Nationalsozialismus in Darmstadt"
Kichler Verlag Der Name Kichler steht für eine alteingesessene Darmstädter Buchdruckerei- und Zeitungsverleger-Familie (siehe auch Verlage in Darmstadt).

Die Entwicklung der Firma wird im Folgenden auf der Basis der Einträge des Adressbuches der Stadt Darmstadt [4] in Zehn-Jahres-Schritten skizziert. So enthält bereits das Adressbuch von 1870 die Einträge:

"Kichler, Christian, Buchdruckereibesitzer, Waldstraße 24" und "Kichler, Heinrich D., Buchdruckereibesitzer".

Nazi-Werbung
Nazi-Werbung im Jahre 1931 aus dem Kichler Verlag [5]

Zehn Jahre später heißt es:

"Kichler, Christian, Rentner, Waldstraße 24" und "Kichler, Heinrich D., Hofbuchdrucker, Expedition des Täglichen Anzeigers, Waldstraße 28".

Weitere zehn Jahre später wohnt der Rentner Christian Kichler in der Rheinstraße 6. Beim "Hofbuchdrucker Heinrich Kichler" hat sich nichts verändert. Hinzu gekommen ist "Kichler, Ludwig, Buchdruckereibesitzer, Waldstraße 3".

Das Adressbuch von 1900 zeigt einige Veränderungen. So heißt es dort:

"Kichler, Heinrich, Hofbuchdruckereibesitzer, Waldstraße 28"

"Kichler, Heinrich, Buchdruckerei, Expedition und Verlag des Darmstädter Täglichen Anzeigers, Inh.: Heinrich Kichler und Ludwig Kichler, Waldstraße 28, Telefon 27"und

"Kichler, Ludwig, Hofbuchdruckereibesitzer, Riedeselstraße 68"

Weitere zehn Jahre später (1910) fehlt Christian Kichler. Heinrich Kichler, jetzt Rentner, wohnt in der Elisabethenstraße 60, die Buchdruckerei mit Verlag und Expedition, jetzt ist nur noch Ludwig Kichler als Inhaber angegeben mit Sitz in der Saalbaustraße 19, Telefon 27 und Hofbuchdruckereibesitzer Ludwig Kichler wohnt inzwischen in der Waldstraße 28.

1921 residiert der Verlag noch in der Saalbaustraße 19, zum Inhaber Ludwig Kichler sind dessen Ehefrau und Ludwig Kichler jun. als Prokuristen hinzugekommen. Der Hofbuchdruckereibesitzer Ludwig Kichler wohnt in der Waldstraße 28, der Kaufmann Ludwig Kichler, wohl der Junior, in der Saalbaustraße.

1930 gibt das Adressbuch als Sitz der Buchdruckerei die Waldstraße 28 an, wo auch Kichler sen. als Privatier vermerkt ist. Kichler jun. firmiert nun als Geschäftsführer in der Saalbaustraße 19.

1940 weist der Eintrag größere Veränderungen auf. Buchdruckerei und Verlag befindet sich in der Rheinstraße 20, die Reise- und Versandbuchhandlung in der Rheinstraße 21, die Witwe des 1938 verstorbenen Kichler sen. wohnte in der Mackensenstraße 28 und Ludwig Kichler jun., nun Buchdruckereibesitzer, in der Hindenburgstraße 33.

Die Liegenschaft Mackensenstraße 28 gehörte als Eigentümer Ludwig Kichler, sie war auch Sitz der Schriftleitung der Zeitung "Neue Hessische Landeszeitung". Die Liegenschaft Hindenburgstraße 33 befand sich ebenfalls im Eigentum des Buchdruckereibesitzers Kichler.

Am 21. Oktober 1937 erschien in der Hessischen Landeszeitung eine Würdigung des Buchdruckereibesetzers und "Pg." (Pg. = Parteigenosse) Ludwig Kichler (jun.) aus Anlass seines 50. Geburtstages. Es hieß dort:

"Denn Ludwig Kichler war es, der zu einer Zeit, als die Bewegung in Hessen noch in ihrem härtesten Kampfe stand, die Spalten der von ihm verlegten "Hessischen Landes-Zeitung" für Berichte und Mitteilungen über die NSDAP öffnete. Das war 1930. Im Jahre 1932 wurde die HLZ dann das offizielle parteiamtliche Organ für Hessen ...".

Auch die "Darmstädter Wochenschau", die in seinem Betrieb gedruckt wurde, würdigte ihn in einem Artikel.

"Am 1. Juni 1938 verstarb der frühere Zeitungsverleger und Buchdruckereibesitzer Ludwig Kichler sen. im 87. Lebensjahr"schrieb die Hessische Landeszeitung am 7. Juni 1938. Er wurde als zweiter Sohn des Begründers des "Darmstädter Täglichen Anzeigers", des Vorgängers der "Hessischen Landes-Zeitung" am 14. August 1851 in Darmstadt geboren. Er hatte am "Deutsch-Französischen Krieg" 1870/71 als 19-jähriger freiwillig teilgenommen. "Seit dieser Zeit war er dem Geist soldatischer Kameradschaft zugetan". Mit seinem Bruder Heinrich führte er den Verlag des Vaters Christian Kichler. Und selbstverständlich wird auch seine Einstellung gepriesen:

"In der Vorkriegszeit und erst recht in den folgenden harten Jahren hatte er bereits die Zeichen der Zeit erkannt und sorgte dafür, daß in seinem Blatt der wahrhaft nationale Gedanke eine eifrige Pflegestätte fand".

Der Kichler Verlag war so etwas wie der Hausverlag der Hessischen und der Darmstädter NSDAP. So druckte er zumindest ab 1931 Veranstaltungsplakate für die NSDAP und die SA.

Die Liste der Veröffentlichungen für die Nationalsozialisten umfasst viele Seiten. Wir greifen nur ein paar besondere heraus:

  1. Ankündigung des "Deutschen Tages" (siehe Abbildung) am 9. und 10. Mai 1931 in Reinheim/Odw. durch die NSDAP im Format 69,9 x 99,5 cm
  2. Plakat vom 6. März 1933
    Plakat vom 6. März 1933 aus dem Kichler Verlag [6]

  3. Bekanntmachung der öffentlichen Wählerversammlung der Christlich-Nationalen Bauern- und Landvolkpartei am 1. November (1931) in Kirch-Brombach, Gasthaus "Zum Engel", mit dem Referenten MdL Glaser, Nordheim
  4. Hessen (Volksstaat), 6. März 1933 Bekanntmachung über die Übertragung der Polizeigewalt in Hessen auf Dr. Heinrich Müller (1896-1945) durch den Reichsminister des Innern am 6. März 1933 (siehe Abbildung)
  5. Weitere Plakate (Format 100 x 66 cm) mit der Bekanntgabe der Wahlergebnisse 1932 (19. Juni 1932) mit Schrift und Hakenkreuz, deren Auftraggeber die N.S.D.A.P. (Hitlerbewegung), Kreisleitung Darmstadt war.(Q.: Bestellsignatur ULB plak 13/32 Da)
  6. Plakat (Format 102 x 65 cm) zur Veranstaltung mit Prinz August Wilhelm am 16.2.1933 im Saalbau Darmstadt mit Hakenkreuz (Q.: Bestellsignatur ULB plak 13/34 Da)
  7. Plakat (Format 100 x 70 cm) mit dem Titel "Beamte! Volksstaat und Staatsverwaltung" zu einer Rede des Postinspektors Sprenger (MdR) am 7.6.1932 (Q.: Bestellsignatur ULB plak 13/12 Da)
  8. Plakat (Format 100 x 70 cm) mit dem Titel "Feme über Deutschland im Schatten der Reichstagswahl" mit dem Redner Oberleutnant a.D. Schulz in der Woogsturnhalle am 27.7.1932 (Q.: Bestellsignatur ULB plak 13/29 Da)
  9. Plakat (Format 100 x 70 cm) mit dem Titel "Das sittliche Recht und die sittliche Kraft des Nationalsozialismus" mit dem Redner Pfarrer Knab am 12.7.1932 in der Turnhalle am Woogsplatz (Q.: Bestellsignatur ULB plak 10/15 Da)
  10. Plakat (Format 100 x 70 cm) mit dem einem SA-Appell verbunden mit einem SA-Konzert und der Ansprache des Hauptschriftleiters des "Völkischen Beobachter" Alfred Rosenberg im Orangeriegarten am 24.7.1932 (Q.: Bestellsignatur ULB plak 13/36 Da)
  11. Plakat mit dem Titel "Beamtentum und Nationalsozialismus" mit dem Redner Regierungsrat Dr. Heinrich Müller, M.d.L. am 21.7.1932 (Q.: Bestellsignatur ULB plak 10/19 Da)
  12. Plakat (Format 100 x 70 cm) zu einer Veranstaltung mit dem "seitherige Landtagspräsident Prof. Dr. Werner" in der Woogsturnhalle am 18.5.1932 (Q.: Bestellsignatur ULB plak 13/27 Da)
  13. Plakat (Format 100 x 66 cm) mit dem Titel "Von Bismarck bis Hitler" und dem Redner Pg. Gustav W. Freytag aus München im Saalbau am 31.10.1933 (Q.: Bestellsignatur ULB plak 13/38 Da)
  14. Bild mit dem Titel "Warum diese Wahl?" Hierüber spricht in der Woogsturnhalle Felix Neumann, ehemaliger Tschekaführer der K.P.D. am 24.2.1933 (Q.: Bestellsignatur ULB plak 13/26 Da)
  15. Bild (Format 100 x 68 cm) mit dem Titel "Deutsche Revolution!" Hierüber spricht im Bergsträßer Hof zu Eberstadt Pg. Lehrer Klostermann am 10.6.1932 (Q.: Bestellsignatur ULB plak 13/17 Da)
  16. Bild (Format 100 x 70 cm) mit dem Titel "Reichspräsidentenwahl, die Schicksalswende des deutschen Volkes!" mit dem Redner Stadtrat Zürtz in der Woogsturnhalle am 7.3.1932 (Q.: Bestellsignatur ULB plak 12/50 Da)
  17. Bild mit dem Titel "Unser Kampf um Deutschland" mit dem Redner Staatsminister a.D. Dr. Frick M.d.R. in der Festhalle Darmstadt am 5.3.1932 (Q.: Bestellsignatur ULB plak 13/01 Da)
  18. Bild (Format 100 x 70 cm) mit dem Titel "Kriegsbeschädigte! Der Frontsoldat von 1914 spricht zu Ihnen 1932" mit den Rednern Hanns Oberlindober, Sachbearbeiter für Kriegsbeschädigten-Fragen bei der Reichsleitung der N.S.D.A.P. und Ernst Zörner, Präsident des Braunschweigischen Landtages in der Woogsturnhalle am 16.6.1932 (Q.: Bestellsignatur ULB plak 13/28 Da)
  19. Bild (Format 100 x 67 cm) mit dem Titel "Des Führers Ehre ist des Volkes Ehre". Es sprach in einer Massenversammlung in der Woogsturnhalle der stellvertretende Gaupropaganda-Leiter Pg. Müller aus Frankfurt am 6.11.1933 (Q.: Bestellsignatur ULB plak 19/30 Da)
  20. Bild (Format 100 x 70 cm) mit dem Titel "Was geht in Hessen vor?" Hierüber sprach im Bergsträßer Hof in Eberstadt der seitherige Landtagspräsident Prof. Dr. Werner am 3.6.1932 (Q.: Bestellsignatur ULB plak 13/30 Da)
  21. Bild (Format 100 x 71 cm) mit dem Titel "Kundgebung!; Es sprechen im Städtischen Saalbau Prof. Kade, Bad Homburg über: Nationalpolitische Erziehung, Hans Schemm, M.d.R. über: Deutscher Kulturwillen" am 8.6.1932 (Q.: Bestellsignatur ULB plak 13/39 Da)
  22. Bild (Format 63 x 44 cm) mit dem Titel "Braune Helden; Ein ernstes Spiel in drei Akten von Kurt Wetter, Spielleitung: P. Gehre unter Mitwirkung von Frau Lotte Sturmfels, Opernsängerin" am 15.2.1933 (Q.: Bestellsignatur ULB plak 14/23 Da)
  23. Bild (Format 66 x 98 cm) mit dem Titel "Große öffentliche Kundgebung des Deutschen Arbeiterverbandes des Baugewerbes; Es sprechen der Verbandsleiter des Baugewerbes Parteigenosse Ullmann, Berlin, über: 'Deutsches Arbeitertum im Nationalsozialistischen Staate'; Ferner der Verbandsfachschaftsleiter Parteigenosse Pfister, Berlin, über: 'Das Gesetz zum Schutze der nationalen Arbeit' am 8.3.1934 (Q.: Bestellsignatur ULB plak 20/01 Da)
  24. Bild (Format 100 x 70 cm) mit dem Titel "Erwerbslose! Es sprechen Fritz Kern, Eberstadt und H. Bartholomäus, Gießen über das Thema: Durch Not und Tod zu Freiheit und Brot!" am 3.6.1932 in der Turnhalle am Woogsplatz )(Q.: Bestellsignatur ULB plak 13/15 Da)
  25. Bild (Format 50 x 70 cm) mit dem Titel "Bauer und Arbeiter im nat[ional]sozialist[ischen] Staate"; Versammlung; [es] sprechen im 'Bergsträßer Hof' die P[artei]g[enossen] Landwirt Göckel, Langen und Fabrikarbeiter Kern, Eberstadt am 26.5.[1933] Darmstadt-Eberstadt; Bergsträßer Hof (Q.: Bestellsignatur ULB plak 19/27 Da)
  26. Bild (Format 100 x 67 cm) mit dem Titel Öffentl[icher] Generalappell der Standarte 115 verbunden mit dem großen Zapfenstreich ... in der Festhalle Darmstadt ... ; Redner: Standartenführer Klähn, Kreisleiter Otto Heß am 3.11.[1932] (Q.: Bestellsignatur ULB plak 12/47 Da)
  27. Bild (Format 51 x 70 cm) mit dem Titel "Aufruf!; Die rauchenden Trümmer des Reichstags und die verbrecherischen Absichten des Marxismus verpflichten jeden nationalgesinnten Kraftfahrzeugbesitzer, sich und seine Fahrzeuge (auch Lastwagen) einzureihen in die Deutsche Front zur aktiven Abwehr des Chaos...; Er tritt sofort ein in das N.S.K.K. (Nationalsozialistische Kraftfahr-Korps); Er dient damit dem Deutschen Vaterland, schützt seine Familie und sich selbst von 1934" (Q.: Bestellsignatur ULB plak 14/26 Da)
  28. Bild (Format 100 x 65 cm) mit dem Titel "Große öffentliche Massenversammlung in der Woogsturnhalle; Es sprechen: Dr. Groß, Leiter des Aufklärungsamtes für Bevölkerungspolitik und Rassenpflege, Berlin, über: Volk in Not; Dr. Gerke, Sachverständiger für Rasseforschung beim Reichsministerium des Innern, Berlin, über: Blut und Rache vom 4. Oktober [1933]" (Q.: Bestellsignatur ULB plak 19/25 Da)
  29. Bild (Format 61 x 92 cm) mit dem Titel "Dietrich Eckart zum Gedächtnis; Abschiedsabend von Josef Keim, Mitglied des Hessischen Landestheaters Darmstadt (nach vierjähriger Tätigkeit) unter gütiger Mitwirkung des Quartetts Delp-Hickler-Cauer-Weber und des Musikzuges der Standarte 115 (Streichorchester); Die gesamte Einnahme dient als Grundstock zur Unterstützung bedürftiger Familien von SA-Männern der Standarte 115 vom 29. Juni [1934]" (Q.: Bestellsignatur ULB plak 19/09 Da)

Darüber hinaus verlegte er zum Beispiel:

Im Meldeblatt vom 25. Juli 1946 gibt das frühere NSDAP-Mitglied Ludwig Kichler jun., geboren am 21.10.1887 als früheren Beruf Kaufmann und jetzigen Beruf Hilfsarbeiter an. Der Entnazifizierungskartei ist zu entnehmen, dass der 1987 geborene Ludwig Kichler am 1. Oktober 1932 der NSDAP beigetreten war und ihr bis zum Ende angehörte. Er wurde als Mitläufer eingestuft und hatte 2.000 Reichsmark Sühne zu leisten.


Q: [1] [2] [3] [4], weitere Quellen im Text, Abbildungen [5] [6]

 

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